Heimkehr – Ein Erfahrungsbericht von Dr. med. Eva-Maria Hobiger

Frau im Gebet

Es ist ein grauer, nasskalter Wintertag im Februar 2020, an dem ich im Bildungshaus Schloss Jaidhof eintreffe, wo ich während der nächsten fünf Tage an ignatianischen Exerzitien teilnehmen werde. Kaum angekommen, blitzt ein Fluchtgedanke durch meinen Kopf: Schweigen ist angesagt, fünf Tage lang, keine Gespräche mit den anderen fünfzehn Exerzitienteilnehmern, keine Telefonate, kein Internet – so lautet der dringende Rat an uns. Darauf war ich nicht vorbereitet, denn dies sind die ersten Exerzitien meines Lebens. Doch schon während des ersten Vortrages an diesem Tag begreife ich: der Pater hat Recht, wie könnten wir Gottes leise Stimme in unserem Leben vernehmen, wenn wir uns zuschütten mit der Flut von Informationen, die uns Handy und Tablet beständig liefern? Nun gut, ich nehme die Herausforderung an!

Prinzip und Fundament

Der hl. Ignatius von Loyola legt seinen Exerzitien ein Prinzip und ein Fundament zu Grunde: „Der Mensch ist geschaffen dazu hin, Gott unseren Herrn zu loben, Ihn zu verehren und Ihm zu dienen, und so seine Seele zu retten“. Im Laufe der nächsten Tage werden drei Patres uns mit unendlicher Geduld in Vorträgen und Gesprächen erklären, wie dieses Prinzip auf unser Leben anzuwenden ist, damit wir auf einem Fundament ruhen und das Ziel unseres Lebens erreichen können. Selbsterkenntnis ist das Programm der ersten Tage und die Erkenntnis dessen, was uns von Gott trennt: die Sünde – ein Wort, das nicht mehr zum Wortschatz der Kirche gehörte während der letzten Jahrzehnte und doch spricht Christus mit einer Eindringlichkeit über sie, die ihresgleichen sucht. Er spricht über die Möglichkeit des Scheiterns, der ewigen Gottferne. Wohl spricht Er über den barmherzigen Vater, aber auch über Gottes Gerechtigkeit – und Er spricht öfters über die Hölle als über den Himmel! In Gottes Liebe sind alle Menschen eingeschlossen, aber Seine unendliche Liebe lässt uns die Freiheit, Ihn zu lieben, Er zwingt uns nicht.

Geistliche Führung

Schon am Abend des ersten Tages habe ich verstanden: diese Patres kennen den Weg, der uns zum Ziel unseres Lebens führt, das Gott heißt und man kann sich ihrer Führung vertrauensvoll überlassen. Sie sind Kämpfer für ihren Herrn und Meister, doch ihre Waffen sind Sanftmut, Demut und Freundlichkeit. Mit Güte, doch durchaus entschieden führen sie den Kampf um unser Heil und ihre Munition ist die Kraft des Gebetes, mit der ihr Leben durchdrungen ist.

Ist der Glaube der Patres so stark, dass sie auch das Wetter beeinflussen können? Fast könnte man es meinen, denn während wir von den „letzten Dingen“ hören - Worte, die uns fremd geworden sind, die in der Kirche nicht mehr verkündigt werden - verdunkelt sich draußen der Himmel. Ein Schneesturm bricht los, stundenlang tobt er um das alte Schloss, er verfängt sich in einem Winkel des Gebäudes und ruft dort schauerliche Klänge hervor, als ob sie aus den Tiefen der Abgründe kämen, wo die verdammten Seelen für ewige Zeiten versammelt sind. Der Schneesturm draußen spiegelt die Stürme in unserem Innern wider, die wir erleben in der Auseinandersetzung mit uns selbst und unserer Zeit. Wir leben inmitten einer furchtbaren Verwirrung, wir sind Zeugen des Zerfalls und des Zusammenbruchs der katholischen Kirche, einer Kirche, die in zunehmendem Maße dem Zeitgeist folgt, aber nicht mehr ihrem Herrn und Meister Jesus Christus, einer Kirche, die Seine Worte nicht mehr ernst nimmt. Wir durchleben eine Glaubenskrise, die beispiellos ist in der gesamten Kirchengeschichte. Alles ist relativ geworden und alle haben Recht, die einzige Wahrheit gibt es nicht mehr, die Hölle – der Ort, der absoluten Gottesferne - wäre leer, so heißt es, oder sie existiere gar nicht. Der katholische Glaube wurde oberflächlich, billig, verhandel- und austauschbar. Aber wenn dem so wäre, wozu hätte unser Herr sich dann den furchtbaren Qualen der Kreuzigung unterworfen, der schrecklichsten und schmerzvollsten Todesart, die die Antike kannte? Und mit tiefer Traurigkeit im Herzen erkenne ich – und dem ging schon ein längerer Prozess voraus, sonst wäre ich nicht hier - welchen ungeahnten spirituellen Reichtum uns die Vertreter der Heiligen Mutter Kirche im Laufe der letzten fünf Jahrzehnte vorenthielten, meiner und der nachfolgenden Generation.

Das verlorene Sakrament

Einfühlsam führen uns die Patres, für die diese Exerzitien eine übermenschliche Anstrengung bedeuten müssen, durch die Abgründe unseres eigenen Lebens und führen uns hin zum „verlorenen“ Sakrament, dem der Buße. Sie befreien unsere Seelen von drückender Last und sichern uns kraft ihres Amtes die Vergebung Gottes zu. Egal wie groß unsere Schuld war, sie ist verziehen, ausgelöscht, so als hätte es sie nie gegeben. Welcher Psychiater kann uns das zusichern oder welcher Psychologe? Wie oft treffe ich Menschen, die sich Gott verweigern, aber im Alter an ihren eigenen Verfehlungen verzweifeln, denn niemand kann ihnen die Schuld abnehmen, die sie in ihrem Leben angehäuft haben. Und so sehen sie nach einem inhaltsleeren Leben mit Angst und Entsetzen einem sinnlosen Tod entgegen, zu erstarrt, um noch ihre letzte Chance ergreifen zu können. Welche unaussprechliche Gnade, an unseren Herrn und Meister Jesus Christus glauben zu dürfen, der die einzige Wahrheit ist, welche Gnade aber auch, hier an diesem Ort sein zu dürfen!

Der Mittelpunkt: das Heilige Messopfer

Ich bin versucht, zu glauben, dass sie es tatsächlich können: das passende Wetter zu erbitten. Am nächsten Morgen bricht ein wunderbarer Wintertag an, die Luft ist klar, wie sie nur um diese Jahreszeit sein kann, eine dünne Schneedecke liegt über den Feldern und den sanften Hügeln des Waldviertels, darüber spannt sich ein in allen Pastelltönen schimmernder Himmel aus. Vergessen sind die Stürme von gestern und die Dunkelheit. Schon üben Vögel ihre Stimmen für den Frühling und ein Specht hämmert hoch droben auf einen Baumstamm. Ein neuer Tag der Schöpfung ist angebrochen, aber auch ein neuer Tag in unseren Seelen und auch in ihnen ist es rein und klar, so wie die Luft draußen ist. Wir durften ein Hochamt mitfeiern, das heilige Messopfer, den Mittelpunkt unserer Religion, die Quelle aller Gnaden, die von ihr in die Welt hinaus fließen. Die Schönheit der Liturgie und die Ehrfurcht, die der Priester Gott entgegenbringt, sind zutiefst berührend und ich kann die Tränen nicht zurückhalten. In der heiligen Messe reißt der Vorhang zwischen Himmel und Erde, die beiden verbinden sich und der Gnadenstrom des Himmels ergießt sich in unsere Welt. Wir durften uns vereinen mit unserem Herrn im größten Gnadengeschenk des Himmels an uns: in der heiligen Kommunion. Tiefe Dankbarkeit ist die einzige Antwort, die hier möglich ist.

Geistlicher Kampf

Gestärkt setzen wir unsere Exerzitien fort. Noch ist der Kampf nicht abgeschlossen, zwei weitere Tage folgen wir dem großen Exerzitienmeister Ignatius. Er führt uns mitten in das Leiden und den Tod Christi und fordert uns zu unserer persönlichen Auseinandersetzung mit dem Leid und Kreuz in unserem Leben auf. Die militärische Sprache des großen Lehrers wird von seinen Schülern, unseren Patres, übersetzt in die Sprache unserer Zeit. Der Weg des Christen kann nur die Nachfolge Christi sein! Der Gedanke an diesen Weg bereitet den meisten von uns wohl zunächst nicht viel Freude, jedoch wer ihn konsequent geht, wird zu einer tiefen und wahren Freude geführt, auch schon in diesem Leben! Während wir in unserer freien Zeit Spaziergänge in der wunderbaren Natur machen und dabei über das Gehörte nachdenken können, stehen die Patres in ihren Büros immer für jeden bereit, geduldig Hilfestellung und Erklärung zu geben. Und ich bin mir sicher, sie begleiten uns beständig mit ihren Gebeten. Ihr Arbeitspensum in dieser Woche ist enorm und trotzdem bedienen sie uns auch noch bei Tisch, servieren uns das Essen und räumen ab. Diese Demutsgeste anzunehmen fällt mir nicht leicht, zu viel Respekt habe ich vor diesen Persönlichkeiten.

Viel schneller als erwartet bricht der letzte Tag an. Die Zeit an diesem Ort war kostbar und ist nun viel zu kurz geworden. Schon nach wenigen Stunden müssen wir wieder hinaus auf den Kampfplatz unseres Lebens, aber wir werden ihn stärker betreten, als wir ihn vor fünf Tagen verlassen haben. Uns wurde die Freude an unserem Glauben zurückgegeben, dessen Flamme in unserer Welt scheinbar am Erlöschen ist. Doch Gottes unendliche Liebe ist noch immer da und sie bedarf unserer Antwort: wir haben einen Auftrag in dieser Welt, wir müssen der verlöschenden Flamme Nahrung geben, indem wir den Glauben weiter geben, andere an der Freude des katholischen Glaubens teilhaben lassen. Dieses Ziel dürfen wir nicht aus den Augen verlieren!

Heimgekommen

Seit meiner Jugendzeit bin ich in der römischen Kirche daheim, meine Erinnerungen an eine andere Messe als die im neuen Ritus sind vage und verschwommen. Ich habe die Revolution von 1968 miterlebt und in der weiteren Folge die Zerstörung so vieler Strukturen unserer Gesellschaft. Inmitten dieser einstürzenden Festungen habe ich versucht, eine treue Tochter der Kirche zu sein, aber ich habe immer gespürt, in all den Jahren, dass innerhalb ihrer Mauern etwas nicht mehr stimmt, ich habe etwas vermisst, schmerzhaft vermisst. Man setzte uns vor eine Ziegelwand, dort sollten wir beten, dort sollten wir Gott erleben. Aber das funktioniert nicht! Eine Ziegelwand kann kein Abbild der Schönheit des himmlischen Jerusalem sein. Wir sind Menschen aus Fleisch und Blut, wir nehmen die Umwelt ausschließlich durch unsere Sinne wahr. Erhalten diese Sinne keine Reize, so lebt der Mensch nicht mehr, er vegetiert. Und genau diesen Eindruck hatte ich in der Kirche in den letzten fünfzig Jahren: wir haben dahin vegetiert, denn das Terrain wurde zunehmend zur Wüste. Die geistige Nahrung, die wir erhielten, war genug zum Überleben, aber nicht für ein erfülltes Leben. Wenn ich sonntags in die Kirche gehe und die Menschen dort beobachte, so sehe ich, dass die Gläubigen verwirrt sind, sie wissen kaum mehr etwas vom Glauben, ihr Verhalten offenbart, dass sie die heilige Messe nicht verstehen. Sie zeigen Gott keine Ehrfurcht und geben so auch kein Zeugnis vor den anderen. Das ist nicht verwunderlich, denn niemand erklärt ihnen den Glauben, niemand korrigiert ihr Verhalten. Katechesen gibt es nicht mehr und die Predigten geben oft nur ein Zerrbild unseres Glaubens wider. Ein katholischer Religionsunterricht, den man noch als solchen bezeichnen kann, ist nahezu verschwunden. Und so werden die Kirchenbänke immer leerer. Wie auch nicht? Dem Menschen ist die Sehnsucht nach der Transzendenz vom Schöpfer in die Seele gelegt, und weil der Mensch diese in der Kirche nicht mehr finden kann, sucht er die geistige Nahrung verzweifelt an immer neuen Quellen, die ihm der Zeitgeist anpreist. Aber dieser Weg führt in die Irre und niemals zum wahren Glück. Wenn man durch die Straßen der Großstadt geht und die Menschen beobachtet, vermeint man förmlich den Schrei und die Sehnsucht in ihrem Inneren zu hören und zu spüren. Die Jugend ist einer hedonistischen Spaßgesellschaft ausgeliefert, in der niemand mehr weiß, wozu er auf dieser Erde ist, halt-, orientierungs- und ziellos taumeln die jungen Menschen durch die Zeit und jagen einem vermeintlichen Glück hinterher, das sich immer und immer wieder als Trugbild erweist. Sie fliehen in eine Scheinwelt, die sie in ihren digitalen Geräten finden, aber wie könnte dort der Sinn des Lebens zu finden sein? Unsere Gesellschaft ist todkrank, welche Zukunft kann sie haben? Es wäre doch die Aufgabe der Kirche, den Menschen in dieser schwierigen Zeit Halt zu geben und Orientierung anhand von klaren und unveränderlichen Richtlinien. Es wäre höchste Zeit, diese Aufgabe wieder zu entdecken, um die kranken und leeren Seelen der Menschen zu heilen. Unser Herr Jesus Christus hat uns gesagt: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben.“ Die Wahrheit kann also nur immer wahr bleiben, sie gilt für immer, zu allen Zeiten und unter allen Lebensumständen, sie kann nicht geändert und auch nicht der Zeit angepasst werden. Sie ist unveränderlich, gleich einem Naturgesetz!

Das, was ich fünfzig Jahre lang in der Kirche schmerzlich vermisst habe, habe ich in nur fünf Tagen in Jaidhof gefunden. Die Patres der Piusbruderschaft sind in Gott Verliebte, in ihren Herzen brennt das Feuer des Heiligen Geistes und ihr Glaube ist stark und überzeugend, er lebt aus einer zutiefst katholischen Spiritualität, die uns Gott erfahren lässt und die Sehnsucht unseres Herzens stillt. Sie sind Hüter des Schatzes der Tradition und somit Bindeglied zwischen Vergangenheit und Zukunft. Gegen alle Widerstände geben sie unverfälscht weiter, was sie selbst empfangen haben in einer langen Reihe seit den Zeiten der Apostel. Der Glaube und die Tradition – diese beiden Pfeiler  haben unseren Kontinent gebildet, getragen und seine Bewohner zu Höchstleistungen geführt. Die Menschen, die vor uns lebten, wussten um diesen Schatz, erst die Hybris unseres Zeitalters verwarf ihn. Ihn wiederzuentdecken ist eine conditio sine qua non, ein Muss, wenn Europa eine Zukunft haben soll. Wer Gott wirklich sucht, wer den Sinn und das Ziel seines Lebens finden will und die wahre Freude, das wahre Glück, der ist bei den Exerzitien in Jaidhof gut aufgehoben. Er wird reich beschenkt und dankbar heimkehren.